Ich sehe was, was du nicht siehst…
- 12. Juni
- 4 Min. Lesezeit
von Daniela von der Herberg (@kitabotschafterin)
Die Motivation für unseren Beruf zu bewahren, ist manchmal eine
Herausforderung für sich. Wie oft waren wir schon frustriert, weil
wir Projekte nicht durchführen konnten, da sich Kolleg*innen
krankgemeldet haben? Wie sehr hassen wir es, mit diesem
unzufriedenen Gefühl nach Hause zu gehen, weil wir heute wieder
„nur betreut“ haben und viel zu wenig individuelle Förderung
betreiben konnten?
Und dann sind mal alle Fachkräfte am Start. Wir wollen mit den
Kindern die Regeln für die Forscherecke entwickeln und plötzlich
sind wir durch einen aufkommenden Streit ewig lang mit Co-
Regulation beschäftigt und die Regelfindung fällt hinten runter.
Die Aufzählung solcher Störungen und Ausfälle könnte noch ewig
weitergehen und auch die Zahl von pädagogisch durchdachten
Plänen, die nie stattfinden werden, ist meist ziemlich groß.
Fragst du dich auch manchmal, ob du noch richtig bist in diesem
Beruf? Ob du nicht vielleicht auch irgendwo arbeiten könntest, wo
deine Pläne nicht täglich von den Rahmenbedingungen torpediert
werden? Wo du deinem Anspruch gerecht werden kannst und den
Sinn deiner Arbeit wieder deutlicher spürst?
Diese Gedanken sind oft das Ergebnis einer Sichtweise, die wir bei
der Beobachtung von Kindern längst vermeiden wollen: Wir
konzentrieren uns auf die Defizite.
Unser Gehirn ist so programmiert, dass es sich auf das Schlechte in
unserem Leben fokussiert, um Gefahren frühzeitig zu erkennen,
und Lösungen rechtzeitig zu entwickeln. Das ist sehr sinnvoll, wenn
man in Krisengebieten lebt, und sein Überleben sichern muss.
Wenn wir allerdings nicht ums Überleben kämpfen, haben wir eher
Nachteile durch diese Sichtweise. Wir vergessen, auf das Gute in
unserem Leben zu schauen und empfinden ständig Mangel, Gefahr
und Frustration.
Ich möchte dich einladen, mal einen anderen Blickwinkel
einzunehmen, wenn du auf deinen Auftrag und dein Wirken in der
Kita schaust. Sieh mal das, was ich sehen kann, wenn du deinen
Fokus auf die alltagsbegleitende Bildung im Primärbereich legst.
Du erkennst bald wieder, wie viel großartige Entwicklung du jeden Tag
begleitest, was für tolle Gespräche du mit den Kindern hast, an
welchen Stellen ganz nebenbei Bildung passiert und wie Bindung
ganz beiläufig und natürlich entsteht.
Egal wie mies die Rahmenbedingungen an manchen Tagen sind, du
bist immer eine wichtige Bezugsperson für die Kinder. Ein Lächeln
zum richtigen Zeitpunkt fördert die Resillienzentwicklung von Can.
Emma zuzuhören, wenn sie von ihrem Ausflug am Wochenende
erzählt, ist gelebte Sprachförderung und Beziehungspflege. Mia
beizustehen, wenn sie von Papa Abschied nehmen muss, ist nicht
weniger, als jemanden aus einer großen Not zu helfen und
Sicherheit zu bieten.
An keinem Arbeitstag gehst du nach Hause, ohne die Welt einiger
Kinder bereichert zu haben und sie bei ihrer Entwicklung
unterstützt zu haben. An keinem!
Hattest du wenig Zeit für Charlotte, weil du den halben Tag damit
zugebracht hast, ein autistisches Kind aus der Überforderung zu
holen? Hast du ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil sie zu
kurz kam und nichts lernen konnte? Auch hier möchte ich dir einen
neuen Blickwinkel schenken:
Charlotte konnte beobachten, dass jedes Kind von dir angenommen
wird, so wie es sich zeigt. Auch das, das sich über längere Zeit
unangemessen verhalten hat. Sie lernt, dass auch sie nicht
fallengelassen wird, wenn sie mal einen Gefühlssturm erlebt.
Charlotte sieht, dass du die Wünsche eines Kindes respektiert, dass
nicht angefasst werden will, dass ruhige Ansprache viel hilfreicher
ist, als laut zu werden, und dass es in Konflikten nicht um Schuld
geht, sondern darum, dass es allen wieder gut geht. Und nicht
zuletzt, dass Konflikte nichts Schlimmes sind, weil wir viel aus
ihnen lernen können.
Wie viel mehr ist das, als gemeinsam ein Puzzle zu machen oder
ein Buch zu lesen? Charlotte erlebt nicht nur, wie wahre Inklusion
gelebt wird, sie ist sogar Teil davon. Sie kann dazu beitragen, dass
es allen Kindern in der Gruppe wieder gut gehen wird.
Auch unter den schlechtesten Rahmenbedingungen hast du es
immer in der Hand. Du kannst immer der sichere Hafen sein. Trost
spenden, Vorbild sein, verzeihen, vertrauen, Mut zusprechen, und
noch so vieles mehr.
Und ganz ehrlich, gerade wenn die Rahmenbedingungen nicht
stimmen, den Kindern zu viel zugemutet wird und/oder die
Kolleg*innen Gewaltfreiheit in der Kita noch nicht wirklich
umsetzen – wie wertvoll ist gerade unter diesen Umständen dein
Wirken im Kleinen? Du bist nicht Kompliz*in eines maroden
Systems, sondern eine Fachkraft, die den Mangel erträglicher
werden lässt, die auch mit wenigen Mitteln immer was zu geben
hat, die Not schmälert und die Welt der Kinder bereichert.
Du bist den Umständen nicht machtlos ausgeliefert. Du hast viel
mehr Gestaltungsspielraum, als du manchmal sehen kannst. Dein
Beitrag für die Kinder ist unbezahlbar. Du kannst die eine Fachkraft
sein, von der die Kinder noch im Erwachsenenalter sprechen, weil
du ihnen nie die Gefühle abgesprochen hast. Oder diejenige, die
nicht am Kind rumnörgelt, sondern ihm sagt, dass es tolle
Fortschritte macht.
Ist das nicht etwas, auf das du stolz sein kannst, wenn du nach der
Arbeit nach Hause gehst? Ist es nicht eine Herausforderung, die
sich lohnt? Ein Einsatz, der denjenigen zugutekommt, die viel zu oft
übersehen werden?
Und ja, wenn du wenige Mitstreiter*innen hast, fühlst du dich
sicherlich auch manchmal ziemlich einsam. Und nicht alle
Kolleg*innen schätzen immer, wenn du Dinge anders angehst, als
sie es tun. Deshalb ist es mir wichtig zu sagen, dass du ein wahrer
Segen für die Kinder bist.
Wenn dir erstmal selbst bewusst ist, was du da jeden Tag an
wertvoller Bindungs- und Bildungsarbeit leistest und das genau so
nach außen trägst, wirst du Verbündete finden, die deine Werte
teilen und deinen Einsatz sehen. Ihr könnt euch gegenseitig
ermuntern, die Früchte eurer Arbeit wahrzunehmen und euren
Einsatz jeden Tag aufs Neue zu feiern! Hol dir Bestätigung aus
Fachliteratur. Es ist ein so erhebendes Gefühl, zu lesen, dass du
genau so arbeitest, wie die Expert*innen empfehlen. Wähle
Fortbildungen, wo du vielleicht inhaltlich nichts Neues lernst, aber
dafür ganz viel Bestätigung bekommst. Verbündete sind überall
und gemeinsam können wir uns Halt geben, Zweifel zerstreuen
und Mut zusprechen. Wir sind viele und wir leisten Großartiges!
Wir müssen nur richtig hinschauen, um das nicht aus den Augen zu
verlieren…


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